Coworking auf dem Land – Der neue Trend?

Coworking auf dem Land boomt! Zumindest als Thema in den Medien und der Politik. Doch stimmt das so? In den letzten drei Jahren, die ich bereits als Projektleiter des Coworking Oderbruch in der Alten Schule Letschin tätig bin, sind dahingehend tatsächlich eine ganze Reihe an neuen Projekten entstanden wie ein Blick zum Beispiel auf die Webseite der „Kreativorte Brandenburg“ zeigt. Ein Grund hierfür sind stark die gestiegenen Mietpreise in den Großstädten und die Zunahme von Pendlerströmen aus den sich immer mehr ausbreitenden Rändern der Metropolen.

Seit 2017 ist ein neuer Trend zu beobachten: Junge, gutausgebildete Menschen mit einem verstärkten Wunsch nach alternativen Arbeits- und Lebenskonzepten, zieht es in die ländlichen Regionen jenseits der Speckgürtel.

Doch inwieweit sind die ländlichen Regionen auf diesen Zuzug vorbereitet? Flächendeckend wurde im Zuge des Strukturwandels der 90er und 00er Jahre eingespart und reduziert. Buslinien wurden eingestellt, Regionalverkehr ausgedünnt, Kitas und Schulen geschlossen. Von Digitalisierung und Breitbandausbau sind ganze Landstriche noch weit entfernt.

Wettbewerb der Kommunen

Einige wenige Kommunen, wie zB. die Gemeinde Wiesenburg mit dem CoDorf Projekt, haben die Zeichen der Zeit frühzeitig erkannt und Visionen für die Zukunft entwickelt. Auch gegen Widerstände aus den eigenen Reihen und objektiven finanziellen Zwängen. Diese Gemeinden sind im „Wettbewerb“ um den kreativsten, nachhaltigsten Zuzug aus den Großstädten nun klar im Vorteil. Auch wenn die „neuen LandarbeiterInnen“ zu Entbehrungen für den Zugewinn an Platz und kreativen Möglichkeiten bereit sind, so müssen doch bestimmte Grundvoraussetzungen wie Kitas, Schulen und  ärztliche Versorgung vorhanden sein.

Zudem ist auch eine weitere Dynamik zu beobachten. In den Regionen, wo schon immer ein Zuzug (oder sagen wir Flucht aus den Großstädten) stattfand und sich über Jahre ein Mikroklima an neuen Weltansichten durchgesetzt hat, ist eine wiederkehrende Abfolge an „Neusiedlern“ zu beobachten. Stellvertretend seien hier das Wendland (Atomkraftgegner-Geschichte) oder das Oderbruch (Künstlerzuflucht zu DDRZeiten) zu nennen.

Nur dort, wo Offenheit gegenüber neuen Ideen vorhanden ist, wird man von dem neuen und lebenseinhauchenden Trend profitieren. Regionen, die sich dagegen sperren und  in alten Ansichten verfangen bleiben, werden wohl abgehängt bleiben. Egal, wie schnell die Internetverbindung dort ist.

Weichen stellen

Auch muss die Politik neue Weichen stellen und in die Zukunft investieren (wie zum Beispiel in der Lausitz). Muss für die „neuen LandarbeiterInnen“ attraktiv werden und bei Finanzierungsmodellen sowie beim Abbau von Bürokratismus neue Wege gehen.

Ein wichtiger Baustein vor Ort sind die neuen Arbeits- und Lebensformen wie Coworking, Coliving, Retreat, Workation oder Pendlerhafen. Entweder zum Beispiel als Genossenschaft (bottom up) oder als Wirtschaftsförderprojekte (top down).

Dann boomt nicht nur Coworking auf dem Land, sondern der ganze ländliche Raum.

Torsten Kohn